Abends sitzt Walter gern vor seinen Aquarien. Kein Fernseher, kein Radio. Nur das leise Summen der Pumpen, das Wasser und die Fische, die ihren Angelegenheiten nachgehen.
Unlängst hat er sich von ein paar seiner Becken getrennt. Früher waren es deutlich mehr gewesen. Walter hatte Fische gezüchtet, Nachwuchs großgezogen und über Generationen weitervermehrt. Eine eigene Sorte, hätte er beinahe sagen können.
„Na ja“, hätte er dann ergänzt, „a Fischzüchterverein wird deswegen noch lang keine Straße nach mir benennen.“
Trotzdem war er stolz darauf. Er wusste, welche Tiere von welchen Eltern abstammten. Kannte ihre Farben, ihre Eigenheiten und die Ecken, in denen sie sich am liebsten versteckten.
Nun war Walter in Rente. Auf dem Konto war weniger Spielraum, und die Stromrechnung nahm darauf keine Rücksicht. Beleuchtung, Filter, Heizstäbe: Was früher irgendwie mitgelaufen war, fiel inzwischen deutlich ins Gewicht.
Also hatte er sich hingesetzt und gerechnet. Erst im Kopf, dann auf einem Zettel. Das Ergebnis blieb dasselbe.
„Ihr könnt’s ja nix dafür“, hatte er vor den Becken gemurmelt.
Er suchte in Ruhe nach Menschen, bei denen seine Fische gut unterkommen würden. Fragte nach den Aquarien, nach der Erfahrung, nach den anderen Tieren. Wer Walter Fische abkaufte, bekam einige Fragen gestellt und anschließend mehr Hinweise mit, als er vermutlich erwartet hatte.
Ein paar Euro hatte er dafür bekommen. Das war vernünftig gewesen. Die Fische waren in guten Händen.
Trotzdem stand Walter nach der Abholung vor den leeren Becken und fühlte sich, als hätte er seine eigenen Kinder weggegeben.
Er kam sich dabei selber ein wenig albern vor.
„Andere sagen: Sind halt Fische.“
Walter betrachtete einen hellen Fleck auf der Scheibe, hinter dem sonst immer einer hervorgekommen war, sobald er sich näherte.
„Ja. Weiß i schon.“
An diesem Abend machte er früher das Licht aus.
Inzwischen tut es nicht mehr so weh. Walter weiß, dass die Entscheidung sein musste. Er kann seine Ausgaben nicht dauerhaft mit gutem Willen bezahlen. Und er hatte darauf geachtet, dass es den Tieren weiterhin gut ging.
Manchmal bekommt er sogar ein Foto geschickt. Dann setzt er die Brille auf, vergrößert das Bild und schaut ganz genau hin.
„Schau her. Gut schaut er aus.“
Mehr sagt er meistens nicht. Aber das Foto sieht er sich später noch einmal an.
Seine verbliebenen Aquarien bekommen jetzt umso mehr Aufmerksamkeit. Walter hat wieder Zeit, sich vor ein einzelnes Becken zu setzen, statt im Kopf schon beim nächsten Wasserwechsel zu sein. Er beobachtet, entdeckt Kleinigkeiten und bleibt auch dann noch sitzen, wenn die Arbeit längst erledigt ist.
Und danach bleibt manchmal ein Stück Nachmittag übrig. Für einen Spaziergang. Für eine neue Idee. Oder für etwas, das er schon lange ausprobieren wollte.
Neulich hat ihn jemand gefragt, ob er seine vielen Becken nicht vermisse.
Walter hat kurz überlegt.
„Doch. Schon.“
Dann sah er hinüber zu seinen Fischen.
„Aber die da haben jetzt mehr von mir.“
Er lehnte sich zurück. Zwischen den Pflanzen kam ein kleiner Fisch hervor und blieb dicht vor der Scheibe stehen.
Walter lächelte.
„Und i wieder mehr von denen.“
